Hinter den Kulissen der "Tschirgantstrategie" – oder warum Ötz das neue Tarrenz wird


Die Weichen wurden ganz oben gestellt. Zuunterst zuletzt mit schauspielerischen Glanzleistungen das letzte zu lukrierende politische Kleingeld eingeheimst. Alles deutet darauf hin, dass in spätestens einem Jahr die neue "Tschirgantstrategie" präsentiert werden wird.

 

Der Plan, den man dazu aus der Schublade zaubern wird, ist freilich bereits mindestens vier Jahre alt. Ebensolange kennen ihn alle Verantwortlichen. Von der Asfinag über das Ministerium und unsere Abgeordneten wusste jeder Bescheid. Sogar die unterste Ebene der Kommunalpolitik. Vermutlich sogar bis in deren hintersten Winkel.

 

Die noch geheime, "neue" Tschirgantunnel-Strategie sieht einige Neuerungen vor. So ist etwa das Portal nicht mehr im Bereich von Haiming, sondern im Roppener Gewerbegebiet vorgesehen. Mit direktem Anschluss an den Zubringer Ötztal.

 

Mit dem neuen Plan werden demnach auch (fast) alle wunderbar leben können: Die einheimischen Benützer der Fernpassstraße; vor allem aber die Touristen, die nach Bau des Scheitel- und Tschirganttunnels einige Minuten schneller zu ihren Zielen gelangen. Die Bewohner des Mieminger Plateaus und des Gurgltals, die endlich entlastet werden (Obsteig darf bereits seine "Dorfautobahn" zurückbauen). Die Touristiker in den hinteren Tälern, welche die von ihnen geforderte, vermeintlich schnellere Anbindung erhalten. Die Roppener, die fürstlich entlohnt werden, zumal ihnen dieser Verkehr ohnehin am sprichwörtlichen Arsch vorbei gehen kann. Und natürlich auch die Haiminger, welche nicht ihre wertvollen Flächen opfern und vermutlich nicht mehr um den "Wasserspeicher" fürchten müssen.

 

Wie überall, so muss es allerdings auch bei der neuen "Tschirgantstrategie" einen geben, der die Arschkarte zieht. Ziehen muss. Geht gar nicht anders. Einer muss eben der Loser sein. Denn der Verkehr wird ja nicht weniger. Löst sich nicht in Luft auf. Und wenn er andernorts schneller fließt, staut es sich dafür halt anderswo. Und zwar genau beim nächstbesten Nadelöhr. Verlagerungspolitik. Nicht von der Straße auf die Schiene, dafür von einem Ort in den anderen.

 

Ötz wurde unlängst in einem Zeitungskommentar bereits als "Hotspot des Staus" bezeichnet. Das ist super. Das ist cool. Denn damit haben wir im Tal schon einmal zumindest zwei "Höhepunkte". Hinten Sölden, den "Hotspot der Alpen", wo auf der Piste und beim Après-Ski die Post abgeht, und vorne Ötz, den "Hotspot des Staus", wo es sich ab der ehemaligen Post staut. Nach hinten und nach vorne. Und nach dem Bau des Tschirganttunnels bald noch viel gewaltiger.

 

Glückauf trotzdem schon einmal von dieser Seite! Gratulation an alle, die entlastet werden: Eure Orte werden aufblühen! Ötz hat sich, wie es ausschaut, dafür "geopfert". Liegt auf der beinharten Schlachtbank des Verkehrs, wo (fast) jeder nur auf sich schaut. Deshalb wird aus unserem ehemaligen Luftkurort auch "Neu-Tarrenz". Es ist jetzt aber beileibe auch nicht so, dass dies alles unvermittelt käme. Das sicher nicht. Ganz gewiss nicht. Hier nachzulesen oder etwa auch hier.

 

(best, 04.03.2019)


Nach dem Erscheinen dieses Artikels folgende Presseberichte:

Tiroler Tageszeitung, 22.03.2019Interessant dabei: Der Artikel ist noch gar nicht gedruckt (er erschien erst am 22.03.), trotzdem gibt es zu diesem bereits Reaktionen, und zwar nicht nur von den politischen Parteien, sondern auch von den hiesigen Bürgermeistern ...

 

(22.03.2019)