Bei uns ist der Wurm drinnen

Wer kennt Erwin Wurm? Obwohl sein Name bei uns nicht besonders geläufig ist, zählt der Österreicher seit geraumer Zeit zu den Weltstars der zeitgenössischen Kunst. In Tirol ist das kreative Ausnahmetalent unter anderem durch dieses Werk vertreten:

 

 

Der Würstlstand vor den Kristallwelten in Wattens (hier mit dem Künstler im Bild) ist Teil der Wurm´schen „Fat“-Skulpturen. Sie zeigen kleinbürgerliche Statussymbole wie Autos oder Einfamilienhäuser in einem „verfetteten“, aufgeblähten Zustand:

 

 

Die Botschaft ist eine einfache, humorvolle: Sie hält allerdings unserer Gesellschaft auch beinhart einen Spiegel vor.

 

Spätestens mit dem Stichwort "aufgebläht" sind wir in Ötz angelangt! Auch hier ist offensichtlich etwas "aus dem Rahmen gefallen", ist etwas "zu groß geworden". Ausschauen tut dies so:

 

 

Viele Ötzerinnen und Ötzer spüren bei diesem Anblick ein Unbehagen. Und sie äußern dies auch. Sie wissen, hier handelt es sich leider um keine Kunstaktion, um keine temporäre Angelegenheit. Nein, sie wissen, hier ist etwas entstanden, das bleibt. Das aber nach Meinung vieler eben nicht zu uns passt. Auch hier hat sich etwas "aufgebläht", im wahrsten Sinne des Wortes "aufgetürmt".

 

Im Grunde genommen ist aber lediglich etwas "sichtbar geworden". "Zu Tage getreten". Und deshalb sollten wir auch ganz offen reden. Wieder einmal.

 

Das in Beton gegossene Abbild des Systemversagens

 

Der Autor dieser Zeilen hat vor drei, vier Jahren warnend seine Stimme erhoben. Er hat Beispiele aufgezeigt, wie etwas in einem Ort wie dem unseren nicht gehen sollte. Er hat eindringlich davor gewarnt, eine politische Einöde entstehen zu lassen. Nicht ganz zu Unrecht scheint er damit etwas von dem vorausgeahnt zu haben, was in der Zwischenzeit traurige Realität geworden ist. Leider. So hat der Verfasser dieses Kommentars bereits um das Jahr 2015 herum seine Befürchtungen ausgesprochen, dass in einem politischen Umfeld, wie dem unseren, in dem nicht reflektiert, sondern einfach immer automatisch dann die Hand gehoben wird, wenn bestimmte Leute dies wollen, nur das herauskommen kann, was herausgekommen ist: Die Projektierung und Manifestierung jener Interessen, denen unsere politische Spitze sich verpflichtet fühlt. Und weil dies auch genauso eingetreten ist, seien auch noch gleich ein paar aufrichtige Worte in Sachen Investorenmodelle nachgeschossen.

 

Drei Gedanken zum Thema Investorenmodelle

 

Erstens sind Investorenmodelle bei uns, und das sollte man auch einmal bedenken, beileibe keine Erfindung der Neuzeit. Bereits Unternehmer Alois Amprosi hat in seinem Chaletdorf Nature Resort auf diese Art der Finanzierung gesetzt und befreundete Unternehmer eingeladen, mitzufinanzieren (Foto: HolidayCheck):

 

 

Rein auf die Ebene der Finanzierung reduziert, ist ein Investorenmodell also per se nichts Schlechtes. Die Frage ist allerdings, wer investiert. Sind dies heimische Unternehmer, welche auch dafür garantierten, dass auch der Betrieb nach den uns lieb gewordenen Standards des Ötzer Tourismus gehandhabt wird, oder steht der schnelle Reibach im Vordergrund? Wird bodenständige Vermietung betrieben oder nur zur Gewinnmaximierung etwas aus dem Boden gestampft? Kaufen sich hier reiche Ausländer ein, die nicht wissen, wo hin mit ihrem Geld (von dem man manchmal auch gar nicht wissen will, woher) und die weder Interesse an dörflichen Strukturen noch einer herzlichen Vermietung haben? Hier ist eindeutig letzteres der Fall.

 

Zweitens: Bei der Investorenmodellanlage des Peter Grüner steht zwar ein heimischer Unternehmer Pate, und dessen wirtschaftliche Kompetenz, sein Engagement und seine Tüchtigkeit auch in allen Ehren, allerdings tritt hier ganz offensichtlich eine andere Fehlerquelle zutage: Dem Streben nach Gewinnmaximierung wurde keinerlei Einhalt geboten!

 

In einer Zuschrift zum Thema Investorenmodelle hat jemand gemeint, wenn es am Örlachweg schon unbedingt ein touristisches Projekt gebraucht hat, dann hätte ein Block weniger errichtet und das Ganze ein Stockwerk niedriger gebaut werden sollen. Dann hätte er damit wahrscheinlich gut leben können. So aber schaut`s genauso aus, als hätte Meister Wurm höchstpersönlich Hand angelegt. Denn so stellt sich alleine der klitzekleine "Wellnessbereich" dar:

 

 

Diese Unverhältnismäßigkeit in der Bauausführung, bei der alle Grenzen gesprengt wurden, führt uns direkt zum dritten Gedanken. Und der beinhaltet die Ursache des Übels: die Art und Weise nämlich, wie in Ötz seit geraumer Zeit Gemeindepolitik betrieben wird. Denn, wäre man die Sache gewissenhafter angegangen, hätte man zunächst einmal eine breit angelegte Grundsatzdiskussion durchgeführt, wohin man sich im Ort perspektivisch hinbewegen möchte. Statt unreflektiert jenen (touristischen) Zurufen nachzuhecheln, die immer und überall ein Mehr und Mehr fordern, hätte man auch die geltenden Baurichtlinien der Gemeinde nicht einfach über den Haufen geworfen. Daher ist das, was entstanden ist, genau genommen das in Beton gegossene Versagen des Systems.

 

Solange eine wirtschaftlich dominierte Einheitsliste nicht in der Lage ist, sich selbst kritisch zu hinterfragen sowie eine brauchbare Opposition fehlt, wird sich daran auch nichts ändern. Wissen wir doch längst: Ohne Kontrollmechanismen ist jede Demokratie nur hypothetisch. Steht sie nur auf dem Papier. Werden Projekte wie dieses nur dazu verwendet, um kurzfristig Löcher im Gemeindesäckel zu stopfen. Die Auswirkungen: Die müssen freilich die Ötzerinnen und Ötzer beinhart ausbaden, wobei diese bereits aktuell auf ein Glück bei einer Verlosung hoffen müssen, um ein Dach über dem Kopf oder eine Wohnung zu erhalten und die Zukunftsaussichten sind damit äußerst düster. Womit aber auch eines ganz klar ist: Bei uns, man muss es wieder einmal in aller Deutlichkeit sagen, ist der Wurm drinnen!

 

(best, 02.06.2019)